KRIMINELL IST HIER DIE SOZIALE LOGIK !
Am 6. Februar 2001 tötete Werner Braeuner, ein Arbeitsloser aus Verden (Region Bremen), Klaus Herzberg, den Direktor des örtlichen Arbeitsamtes, der ihm die Arbeitslosenhilfe gestrichen hatte, welche seine einzige Einkommensquelle war. Danach stellte er sich der Polizei.
Wer ist Werner Braeuner ?
Werner ist Ingenieur und seit 8 Jahren arbeitslos. Er trat für
eine Verkürzung der Arbeitszeit ein, für ein existenzsicherndes Einkommen für
alle, sowie für eine Gesellschaft freier Menschen, die nicht durch Arbeit
abgestumpft sind. Oft übersetzte er Schriften aus Frankreich und leitete diese
an deutsche Arbeitsloseninitiativen weiter. In Frankreich selbst war er vor
allem den Abonnenten des Internetforums der französischen
Arbeitslosenorganisation AC! bekannt. Dort beteiligte er sich mit Humor, Ironie
und Freundlichkeit: Seinen Sinn für Widerstand brachte er in einem sehr
bildreichen Französisch zum Ausdruck. Um Sympathie bei der regierenden Linken
hat er sich nie bemüht : Den deutschen Grünen warf er ihre Verbindungen zur Öl-Lobby
vor, die Sozialdemokratie kritisierte er wegen ihrer
"Wachstum-Schafft-Arbeitsplätze"-Lüge. Das erklärt auch das
Schweigen, das seinen Fall überall umfängt. Seine Ideen und Vorschläge
mochten manchen als diskutabel erscheinen, sie wurden eben in der
Arbeitslosenbewegung viel diskutiert. Allerdings regten siel zum Nachdenken an
und liessen niemanden unberührt.
Von Anfang an ging die Presse von einer geplanten Aktion aus. Die lokalen Blätter
und vor allem die Bild-Zeitung freuten sich, jemanden als Extremisten und ein
Symbol der antikapitalistischen Kampfes darstellen zu können. Gleich wurde ihm
unterstellt, er habe eine für den selben Tag angesetzte Pressekonferenz zur
Bekanntgabe der neuesten regionalen Arbeitslosenzahl verhindern wollen.
Entsprechend braucht der Staatsanwalt nun nur dem von der Presse vorgegebenen
Weg zu folgen, wenn er seine Anklage vorträgt !
Etliche Zeugenaussagen gegen Werner sind willkürliche Erfindungen, z.B. dass er
mit dem Vermieter befreundet gewesen sei, auf dessen Bauernhof er ein Zimmer
mietete. Dieser behauptete, Werner hätte nicht nach Arbeit gesucht, sondern
statt dessen viel Zeit vor dem Computer verbracht - es ist an uns hinzuzufügen:
um mit Gleichgesinnten aus allen Ecken Europas zu diskutieren. Dabei hütet sich
die Presse davor, ihre Leserschaft über die 76.000 arbeitslosen Ingenieure in
Deutschland (deren Mehrheit Werners Altersgruppe angehört) zu berichten.. Erklärt
wird auch nicht, warum ein Mensch die ganze Zeit verzweifelt nach einer Arbeit
suchen sollte, die es nicht gibt.
Gründe und Hintergründe
Werner lebte in den letzten Jahren in einer besonders harten Situation, die ihn
aus dem Gleichgewicht brachte. Geldprobleme, beengte Wohnverhältnisse und
zunehmende Spannungen mit seiner Lebensgefährtin haben dann die Auflösung der
Beziehung erzwungen. Einige Monate vor der Geburt der Tochter musste Werner sich
ein Zimmer im Nachbardorf suchen. Im Juli 2000 hat er sich um eine Weiterbildung
bemüht, die ihm auch bewilligt wurde. Nach fünf Monaten, also Ende November,
war er von dieser Weiterbildung völlig entnervt, da er dort die Hälfte der
Zeit nur untätig herumsitzen musste. Er bricht die Weiterbildung ab. Den
Abbruch begründet er mit 2 Schreiben an Klaus Herzberg, die er auch veröffentlicht.
Von Herrn Herzberg hängt es nun ab, ob er weiter Arbeitslosenunterstützung erhält.
Doch Herr Herzberg hat seine Vorschriften und scheint überzeugt zu sein, dass
diese wohlbegründet sind. Er gibt auf Werners Gründe keine Acht mehr und gibt
ihm bei einem Zusammentreffen im Arbeitsamt seine Absicht bekannt, ihm das Geld
zu sperren. Werner ist psychisch immer weiter abgerutscht, er hat heftige Rückenschmerzen,
sieht sich von den Behörden in die Enge getrieben. Nun muss er ab Mitte
Januar auch noch mit der Streichung seiner Unterstützung rechnen. Anfang
Februar kommt der Bescheid über die Sperre. Wie viele Arbeitslose in
vergleichbaren Situationen, kommen auch ihm Selbstmordgedanken. Doch er weht
diese ab und geht am Morgen des 6. Februar auf Klaus Herzberg los, auf
jenen Mann, der in seinem konkreten Leben dieses unmenschliche System verkörpert.
Unfähig sich zu beherrschen, von dem Gefühl des Unrechts überwältigt, schlägt
er ihn tot. Er hat sich gegen einen Mechanismus gestellt, aber einen Menschen
umgebracht. Noch steht er unter Schock, als er sich der Polizei stellt und später
vor dem Richter seine Aussage macht. Danach wird er ins Gefängnis gebracht, wo
er 2 ½ Monate lang mit einem zweiten Gefangenen eine Zelle von 7,5 m2 teilt.
Nach und nach gewahrt er, von Schrecken ergriffen, das Desaster, das er
angerichtet hat : Den Tod eines Menschen, den Schmerz der Familie Herzberg und
der seinen, das Unglück, das über seine Frau und sein Kind hereinbricht.
Warum muss man ihn verteidigen
Die Geschichte Werners ähnelt der von vielen anderen Langzeitarbeitslosen. Mit
dem Verlust des Arbeitsplatzes verschlechtern sich die Lebensbedingungen. Was
zunächst nur Notlage ist, wird häufig zum Dauerzustand, die persönlichen
Beziehungen gestalten sich schwierig - bis hin zum Bruch. Die Gesellschaft hat
Euch ausrangiert, nun ist es an Euch allein, gegen das Gefühl des Verfalls und
der Nutzlosigkeit anzugehen. Um dieser Situation zu begegnen hatte sich Werner für
politische Aktion und kollektive Reflexion entschieden, eine Wahl, die viele
Arbeitslose in Frankreich nur allzu gut nachvollziehen können. Doch die
Regierungen mehrerer europäischer Länder behaupten nun, dass die Arbeitslosen
an ihrer Lage selber schuld seien. Ein vermeintlicher "Ausweg"
wird durch Maßnahmen erzwungen, die oft noch schlimmer sind, als die von den
Betroffenen selbst entwickelten Überlebenslösungen, mit denen sie sich mal
besser, mal schlecht, eine minimale Stabilität schaffen konnten. Die
angebotenen Jobs sind zu prekär und schlecht bezahlt, um wenigstens
einigermassen erträglich zu wohnen oder auch nur ein halbwegs normales Leben führen
zu können. Dazu mehr oder weniger überflüssige, am Ende zu nichts führende
Weiterbildungen, die das Gefühl der Nutz- und Sinnlosigkeit nur noch verstärken.
In Frankreich setzt sich diese Logik im Namen des "Kampfes gegen die
Arbeitslosigkeit" durch: Massenhaft wird Arbeitslosen die Unterstützung
gestrichen, dazu Massnahmen wie jetzt das sogenannte PARE (Projekt zur Hilfe zur
Rückkehr an die Arbeit). Auch in Deutschland fällt der Regierung nichts
anderes als mehr Kontrolle und Druck für die Arbeitslosen ein, anstatt die
Ursachen zu bekämpfen, wie einst vor der Wahl versprochen wurde. Unter diesen
Umständen und ohne die Perspektive einer Revolte in Form kollektiver Aktion,
ist es so verwunderlich, wenn Einzelnen "durchdrehen" und diejenigen
direkt angreifen, welche unmittelbar die Vorgaben einer solchen Politik
durchsetzen ? In den USA sind solche Ereignisse mittlerweile so häufig, dass
sie zur sozialen Phänomen werden. Werden sie jetzt Europa gewinnen, wo die
zunehmende soziale Polarisierung verschleiert wird, indem der Druck auf die Ärmsten
so erhöht wird, dass sie bis zur Erschöpfung und in die Verzweiflung getrieben
werden ? Die Gewalttätigkeit dieser Tat ist erschreckend, sie ist aber eine
direkte Reaktion auf erlittene Gewalt und Ohnmacht. Werner ist das Thermometer
einer steigenden Spannung. Leider wird die Justiz womöglich alles tun, um der
sozialen Dimension dieses Falles auszuweichen. Es liegt an uns zu verdeutlichen,
dass Handlungen solcher Art nicht einfach wie gewöhnliche Gerichtsfälle zu
behandelt sind, an uns zu zeigen, dass kriminell ist jene soziale Logik, die
Menschen wie Werner in die Verzweiflung treibt.
Werner hat bereits mit den 8 langen Jahren Arbeitslosigkeit und
Marginalisierung, die seiner Tat vorausgingen, teuer bezahlt. Es wäre um so
ungerechter, wenn man gegen ihn Rache üben würde, zumal Herr Herzberg damit
nicht wieder ins Leben zurückgerufen werden kann.
Werners Fall geht uns alle an - Arbeitslose, Beschäftigte, Ausgebeutete und
alle, die es als Skandal betrachten, wenn Mitglieder einer wohlhabenden
Gesellschaft ins Elend geraten, nur weil sie arbeitslos geworden sind. Lassen
wir Werner nicht fallen !
Freunde Werner Braueners
Erste Unterschriften : AC! Agir ensemble contre le chômage, Heike, Jeanne Revel, Eric Ducoing, Sylvie Cerclier, Charles de Cock, Dany Rétorré, Bruno Morin, Philippe Cahuzac, Laurent Guilloteau, Stephan Laurent Gatard, Joël Perdriau, Hèlène Dahan, Frank S.F., Gianni Carrozza, Nicole Thé, François Kergunteuil, Jean Philippe Petit, Christophe Souliè, Anne Pierre Nicolazo, Eric Laffleter, Laurent Berthelot, Remy Querbouet, Lilian Truchon, Joachim Grimm, Rudolf Stratmann, Mila Zoufall, Guillaume Paoli