Mörderisches Arbeitsamt
Nach etwa einem halben Jahr bricht Werner Brauener, ein 46 jähriger
arbeitsloser Ingenieur, eine Arbeitsamts-"Qualifizierungsmaßnahme"
ab. Er begründet diese Entscheidung gegenüber Klaus Herzberg, dem Direktor des
zuständigen Arbeitsamtes Verden (Niedersachsen) in mehreren Briefen. Dieser
antwortet ihm mit der Streichung der Arbeitslosenhilfe. Das gibt Werner, bei dem
zu diesem Zeitpunkt auch "privat" gerade ziemlich viel schief geht,
den Rest. Er denkt an Selbstmord. Am 12.01.01 schreibt er an Herzberg:
"[...] teile ich Ihnen mit, wie ich die Verhängung einer Sperre der
Arbeitslosenunterstützung bewerte: Sie brechen mir damit das Genick. Und Sie
tun das mutwillig."
Anfang Februar erhält er den amtlichen Bescheid über die Streichung seiner
Kohle. Daraufhin beschließt Werner, den Arbeitsamtsdirektor vor dessen Haus zur
Rede zu stellen. Der Wortwechsel schlägt in eine körperliche
Auseinandersetzung um, in deren Verlauf Herzberg tödlich verletzt wird.
Schockiert stellt sich Werner der Polizei. Seit diesem Tag sitzt er im Verdener
Knast.
Wir denken, dass Werners individuelles "Durchdrehen" sehr viel mit
unserem Leben zu tun hat. Jeder, der schon mal Monate lang in total bescheuerten
Beschäftigungsmaßnahmen schmoren musste und jede, die schon
mal vom Sozi abgewimmelt oder schikaniert wurde, kennt das Gefühl der Ohnmacht
und das dringende Bedürfnis, den Menschen auf der anderen Seite des
Schreibtischs am Kragen zu packen.
Werner hatte sich mit deutschen und französischenbeteiligt. Er wusste, dass es
notwendig ist, gemeinsam gegen den Arbeits- und Ämterterror vorzugehen.
Trotzdem ist er in seiner individuellen Krise ausgerastet. Anfang August soll
ihm jetzt der Prozess gemacht werden.
Die Staatsanwaltschaft behauptet, Werner hätte den Tod des Arbeitsamtsdirektors
geplant. Damit droht ihm lebenslängliche Haft.
Die Funktion des Staates besteht in der Organisation der Ausbeutung. Dazu
braucht er Gewalt: Polizei, Schulen, Psychiatrie ... Arbeitsämter, Gerichte und
Knäste sollen garantieren, daß der Laden läuft. Vereinzelt können wir
dagegen nicht ungestraft aufbegehren. Wir brauchen eine Debatte über die alltäglichen
Verhältnisse, in denen wir leben müssen. Doch es reicht nicht, darüber zu
reden, wir müssen auch was tun: Wenn ihr Ärger habt, macht euch gegenseitig
schlau, in der Regel seid ihr nicht die ersten, mit denen sie genau diese
Schweinerei probieren. Nutzt die Beratungsstellen. Geht nicht allein aufs Amt!
Kopiert
dieses Schreiben, hängt es am schwarzen Brett auf oder verteilt es, zum
Beispiel in "eurem" Amt oder in der Schule...
Noch
ein paar Stichworte zur Erklärung:
Warum Arbeitslosigkeit ?
Vollbeschäftigung ist ein gefährlicher Zustand. Nicht nur für die, die
arbeiten müssen. Denn in der Geschichte haben solche Phasen regelmäßig zu
Ansprüchen geführt, zu kollektivem Vorgehen, Lohnerhöhungen, kürzeren
Arbeitszeiten und sogar zum Infragestellen des ganzen Systems. Arbeitslose
werden gebraucht: Alle sollen denken, sie seien jederzeit ersetzbar. Bezahlte
Arbeitslosigkeit funktioniert als riesige Drehscheibe, über die gewährleistet
wird, daß überflüssige Arbeitskraft in einem Sektor oder einer Region in die
Bereiche gepumpt wird, wo Bedarf besteht. Dabei ist auch wichtig, daß die
Arbeitskraft unterwegs nicht "schlecht wird", "vergammelt",
zu viel Spaß gewinnt an Zeiten der Nichtarbeit, gar eine Gesellschaft ohne
Arbeit vorstellbar wird. Deshalb muß ständig Druck ausgeübt werden, damit
keine massenhafte Langzeitarbeitslosigkeit entsteht. Dieses Modell ist in
Deutschland mit der Vereinigung in die Krise gekommen. Für die
Umstrukturierungsmaßnahmen in der ehemaligen DDR wurden Millionen entlassen,
die meisten fanden in anderen Bereichen wieder Arbeit, viele zogen in den
Westen. Und trotzdem stieg die Arbeitslosigkeit um Millionen.
Wozu Qualifizierungsmaßnahmen?
Qualifizierungsmaßnahmen sind sehr widersprüchlich: Das Arbeitsamt benutzt
sie, um die Zahl der Leistungsempfänger zu senken - bei jeder fällt ein Teil
der dazu Verpflichteten aus dem Leistungsbezug. Unternehmen wollen Arbeitskräfte,
die auf dem neuesten Stand sind. Die Firmen, die von den Maßnahmen leben,
wollen möglichst viele Teilnehmer in den Kursen und zahlen möglichst wenig für
Lehrkräfte, die meist selbst erst in solchen Maßnahmen ausgebildet wurden. Das
alles läuft darauf hinaus, daß ein Großteil von uns "in der falschen Maßnahme"
sitzt: Wer dafür keinen Bedarf hat, soll zu einer gezwungen werden. Viele
wollen eine Qualifikation erwerben, und müssen sich erst
"hochdienen", indem sie in stumpfsinnigen Vorstufen beweisen, daß sie
morgens überhaupt noch aus dem Bett kommen. Und wenn sie dann endlich in der Maßnahme
sitzen, die sie angesteuert hatten, ist die Enttäuschung groß: Lehrkräfte,
die keine Ahnung haben, miserable Ausstattung, veraltetes Lehrmaterial, ein großer
Teil des Tages besteht aus Leerlauf, aber wenn wir mal was anderes vorhaben,
machen sie Riesenstreß. Manche Maßnahmen kann man verbessern, blödsinnige Maßnahmen
(für Kenner: "Subordinations-Casting") kann man platzen lassen: z.B.
indem die Klassen oder Kurse darüber diskutieren, sich bei anderen Maßnahmen
umhören, Vergleiche anstellen, sich gemeinsam beim Amt beschweren, den Mist öffentlich
machen...