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Es geschah in Ihrer Nähe 

Über einen tödlichen Fall von Zumutbarkeit

  

Am Morgen des 6. Februars 2001 wurde in Verden Klaus Herzberg von Werner Braeuner erstochen. Klaus Herzberg, 63, war Direktor des dortigen Arbeitsamtes; Werner Braeuner, 46, ein arbeitsloser Maschinenbauingenieur. Kurz davor war Braeuners einzige Einkommensquelle, die Arbeitslosenhilfe, vom Arbeitsamt gestrichen worden. Eine Stunde nach der Tat stellte er sich der Polizei. Jetzt sitzt er im Verdener Gefängnis und wartet auf seinen Prozeß. 

Wir kennen die beiden Beteiligten dieser katastrophalen Geschichte persönlich nicht. Aber den zweifellos gesellschaftlichen Kontext kennen wir aus eigener Erfahrung. Unleugbar ist der Zusammenhang zwischen der dienstlichen Machtposition des Opfers und der verzweifelten Reaktion des Täters. Damit löst sich der Fall aus den sonstigen "vermischten Nachrichten" heraus und wird zum Symptom einer wachsenden Krise. Denn erstaunlich ist hier allein, daß solche Ausbrüche nicht öfter vorkommen. In Sozial- und Arbeitsämtern gären täglich Gewaltgelüste. Immer wieder haben wir dagegen zu kämpfen, daß einer von uns durchdrehen und das eigene Leben kaputt machen könnte - sei es durch Selbstmord oder einen unkontrollierten Anfall, der ihn im Knast landen lassen würde.[1]

Es geht hier weder darum, die Tötung eines Menschen zu rechtfertigen noch zu urteilen (andere werden es tun!), sondern ihren sozialen Hintergrund zu untersuchen. Werner Braeuner galt als ein intelligenter, humorvoller und friedfertiger Mensch. Und doch ist er bis zu einem Punkt durchgedreht, daß er das Leben anderer und das eigene zerstörte. Wer die Wiederholung solcher Dramen vermeiden will, soll sich zunächst fragen, wie und warum sie überhaupt zustande kommen und die gesellschaftliche Logik des Wahnsinns hinterfragen, welche der wahnsinnigen Logik der Gesellschaft gleichkommt.

Grund unserer Stellungnahme ist vor allem folgender: Viele waren hierzulande in Kontakt mit Braeuner. Es sind engagierte Menschen, die sich gewöhnlich den Mund mit dem Wort "Solidarität" vollstopfen. Doch seit Februar schweigen sie fast ausnahmslos und lassen ihn hängen; sei es, weil ihnen eine solche Geschichte zu unpolitisch erscheint, oder aus Angst, selbst kriminalisiert zu werden.[2] Es waren zunächst Franzosen aus der Erwerbsloseninitiative AC!, die eine Unterschriftensammlung gestartet haben, um die Blockade zu brechen, die sich in Deutschland gegen diesen Fall richtet.  

Werner Braeuner war seit acht Jahren arbeitslos. Es gibt in Deutschland um die 76000 arbeitslose Ingenieure viele davon in Braeuners Alter, also zu alt für den Arbeitsmarkt. Die Chancen, wieder als Ingenieur eingestellt zu werden, sind da gleich null. Was kann man in diesem Fall tun? Wenigstens versuchen, seine Zeit sinnvoll zu gestalten. Seit 1998 hatte Braeuner, wie er selbst schrieb, seinen "Heimatzusammenhang in der europäischen Erwerbslosenbewegung" gefunden. Er übersetzte Texte aus Frankreich, engagierte sich in der BAG-Erwerbslose und nahm an zahlreichen Internet-Foren aktiv teil. Bei der Bild-Zeitung heißt dies: "Schließlich flüchtet er aus der Realität in die Virtualität. Im Internet sucht Werner B. unter dem Namen “aidos” (griech.: personifiziertes Ehr- und Schamgefühl) nach Leidensgenossen, anstatt sich um Arbeit zu kümmern."  Eine perfekte Umkehrung der Wirklichkeit: Die Flucht in die virtuelle Realität bestünde doch darin, verzweifelt einer Arbeit hinterherzurennen, die es nicht gibt! Statt dessen versuchte Werner Braeuner, die Umstände zu reflektieren, die ihn in diese prekäre Lage versetzt hatten. Wenn "die Realität" uns nicht mehr braucht, ist die Frage, ob wir diese Realität überhaupt brauchen, nur legitim. Im übrigen ist die Verknüpfung europäischer Netzwerke und Initiativen eine durchaus gemeinnützige Tätigkeit: Nur so wird eine breite soziale Bewegung entstehen können, die einzige Besserungschance dieser kranken Gesellschaft.  

Hier eine kleine Abschweifung: Es gibt in Deutschland Menschen, die ihre ganze Zeit damit vergeuden, über Alternativmodelle zur Arbeitslosigkeit und Finanzierungsentwürfe zu labern.  Dafür werden sie selbstverständlich bezahlt: Keine zehn Minuten brauchen sie, um bei irgendeiner Tagung das Monatsgehalt eines Sozialhilfeempfängers zu verdienen - wohlgemerkt: vom Steuerzahler finanziert. Und doch werden sie nicht Drückeberger genannt, sondern Soziologen. Noch niemand hat bisher verlangt, einen Ulrich Beck zur Spargelernte zu schicken. Wenn sich hingegen Arbeitslose selbst über das eigene Schicksal Gedanken machen und nach konkreten Alternativen streben, dann werden plötzlich die paar hundert Mark, mit denen sie auskommen müssen, zur unerträglichen Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung. Man wird uns vielleicht erwidern, daß unqualifizierte Arbeitslose im Gegensatz zu akademischen Spezialisten keine intelligente, brauchbare Theorie entwickeln können, sondern nur dumm schwatzen. Um diesem Vorurteil entgegenzutreten, dokumentieren wir hiernach einen von Braeuners zahlreichen Aufsätzen. Man wünscht sich mehr Beiträge dieses Kalibers.  

In dieser traurigen Geschichte scheint die Illusion des Virtuellen doch eine Rolle zu spielen, bloß auf eine ganz andere Weise als von den Wurstblättern angedeutet. Auffällig ist im nachhinein die Diskrepanz zwischen den zahlreichen elektronischen Kontakten, die Werner Braeuner Tag für Tag unterhielt und der konkreten Isolation, in der er lebte. Eine solche Situation ist kennzeichnend für die neue digitale Gesellschaft im allgemeinen - permanent werden Wörter und Bilder in sogenannter Echtzeit ausgetauscht, während der echte Zeitraum der subjektiven Erfahrung zunehmend vereinsamt erlebt wird. Was die vernetzte Politik mit ihren virtuellen Foren und Online-Demos betrifft, hat eine solche Trennung fatale Folgen. Dort sind die alten politischen Werte des Gemeinwesens und der Solidarität zu reinen Abstraktionen geworden. Man darf debattieren so global wie man will, unangetastet bleiben alltägliche Isolation und Ohnmacht. In diesem Sinne ist Braeuners Verzweiflungsakt keine "infra-politische" Erscheinung, sondern ein Folgezeichen des Versagens von Politik im digitalen Gewand. Gerade weil es zur Zeit keine Perspektive einer kollektiv errungenen Milderung - geschweige denn Lösung - des sozialen Elends gibt, entfaltet sich die individuelle Verzweiflung, manchmal mit blutigen Folgen. Mag dieses bittere Beispiel als Warnzeichen dienen. 

Mit der prekären finanziellen Lage mehren sich Braeuners Schwierigkeiten. Er leidet unter heftigen Rückenschmerzen. In der kleinen Wohnung häufen sich die Streitereien mit seiner Freundin. Noch vor der Geburt seiner Tochter zieht er aus und mietet ein Zimmer im Nachbardorf. Dort scheint er extrem vereinsamt gelebt zu haben. All diese Einzelheiten werden wahrscheinlich vor Gericht als eine Reihe von "persönlichen Problemen" aufgelistet werden. Experten werden womöglich feststellen, daß alles mit irgendeinem Kindheitstrauma zusammenhängt - oder moderner: genetisch bestimmt ist. Jedoch ist nicht zu übersehen, daß solche "privaten" Angelegenheiten von einem harten gesellschaftlichen Druck bestimmt sind. 

Im Juli 2000 bewirbt sich Werner Braeuner für eine vom Arbeitsamt vermittelte Umschulung zum 3D-CAD-Konstrukteur. Ende November bricht er die Maßnahme ab, weil sie "nichts bringt". Die Hälfte der Zeit hat er dort nichts zu tun, für den Unterricht ist er überqualifiziert. Dieses Gefühl kennen alle, die freiwillig oder nicht solche Simulationsmaßnahmen besuchen durften. Bloß um behaupten zu können, daß sich "was gegen die Arbeitslosigkeit tut", wird uns das einzige beschlagnahmt, daß wir noch haben: unsere Zeit. Die Enttäuschung ist um so bitterer für diejenigen, die sich ernsthaft eine Fortbildung gewünscht hatten, um schließlich von unqualifizierten Trainern in einem Wartesaal überholtes Wissen schlucken zu müssen. Noch weniger erträglich als erzwungener Stillstand ist ein vorgetäuschter Ausweg. Doch wehe, wer sich von der erteilten Rolle und dem zugewiesenen Platz aus eigener Entscheidung löst. Damit wird ein gesellschaftlicher Bruch begangen. Der Arbeitslose wird zum Delinquent, welcher nicht mehr mit "repressiver Toleranz", sondern mit Strafe behandelt wird.

Um seine Entscheidung zu begründen, die Umschulung abgebrochen zu haben, schreibt Braeuner dem Arbeitsamtsdirektor zwei Briefe hintereinander. Mitte Januar trifft er im Amt zufällig auf Herzberg, vergebens  versucht er, ihn erneut zum Einlenken zu bringen. Gesetzlich sei keine Ausnahme erlaubt, so der Direktor. Keine Diskussion, kein Ausweg. Am 1. Februar erhält er den Bescheid für die Sperre. Zunächst erwägt Braeuner, sich umzubringen. Hätte er es getan, dann wäre er als guter Arbeitsloser gestorben und mit drei Zeilen in der Lokalzeitung geehrt worden. "Ein Verzweifelter hat sich gestern das Leben genommen. Er war seit acht Jahren ohne Arbeit." Der Zeitungsleser hätte vage Mitleid empfunden, und die Naturseuche namens "Arbeitslosigkeit" verflucht, die unweigerlich menschliche Leben zerstört. Allerdings wäre die Tragödie diskret gehalten worden. Keine monatliche Arbeitslosenselbstmordquote wird veröffentlicht, obwohl diese eigentlich zur Besserung der Wirtschaftslage beiträgt. Aber schließlich richtet Braeuner die eigene Verzweiflung nicht unmittelbar gegen sich selbst. Vielleicht denkt er, der institutionellen Ungerechtigkeit würde damit ein zu großer Gefallen getan werden. Jedenfalls geht er an jenem Morgen auf denjenigen los, der in seinen Augen den Mechanismus seines Ausschlusses verkörpert. 

Über das Opfer selbst ist wenig zu erfahren. Auf dem Foto sieht Klaus Herzberg aus, wie man sich eben einen 60jährigen Angestellten vorstellt. Auch sein abgebildetes Domizil ist das idealtypische Mittelstandshaus mit Garage und gut gepflegtem Rasen. Glaubt man der Bild-Zeitung (aber wer kann das schon?), soll er sich an jenem Morgen in Vorfreude befunden haben, mittags der Presse verkünden zu können, daß "die Arbeitslosenquote auf 6,9 Prozent (12174) gesunken" war. Groteskerweise fügen die Schmierfinken hinzu: "Einer will das unbedingt verhindern"  - als ob die Nachrichtenmitteilung  mit Gewalt verhindert werden könnte! Die düsteren Details werden uns nicht erspart. Klaus Herzberg wird "durch zahlreiche Stiche eines Dreikantschabers auf den Schädel" tödlich verletzt. Kein schönes Bild. Er hinterläßt eine Frau und zwei Kinder. Man stellt sich die Tränen vor, die Leere, die unbeantworteten Fragen.

Wir werden hingegen nie wissen, wie sich der Arbeitsamtsdirektor fühlte, als Arbeitslose ihn baten, die Stütze nicht zu streichen.[3] Hatte er Gewissensbisse? Oder freute er sich, Drückeberger in die Falle gebracht zu haben? Nahm er überhaupt die gebrochenen Existenzen wahr, die sich hinter jener Quote verbergen, die er dienstmäßig zu senken hatte? - 6,9 Prozent diesen Monat, eine hübsche Zahl! Schließlich sind das unwesentliche Fragen. "Der Tod hat nicht der Person Klaus Herzberg gegolten, sondern der Institution Arbeitsamt", so Jagoda, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, bei der Trauerfeier. Eine solche Feststellung ist zweideutig: Zwar kann gerade wegen der Unpersönlichkeit und Austauschbarkeit des Angestellten kein persönlicher Angriff helfen. Andererseits stellt eben der gesichtslose Charakter der Bürokratie die Matrix des Ungeheuers dar. Aus Angst, als rückständiger 68er gebrandmarkt zu werden, traut sich heute niemand mehr, von "struktureller Gewalt" zu sprechen. Und doch haben wir es da mit einem eklatanten Fall von struktureller Gewalt zu tun. Demagogische Wahlsprüche werden in Verordnungen und Richtlinien umgesetzt, welche wiederum als Befehle nach unten getragen werden - Wie viele sollen heute gestrichen werden, Herr Direktor? Gewiß ist ein Mausklick sauberer als ein Dreikantschaberstoß und eine Streichung aus der Statistik längst keine Hinrichtung, sondern bloß institutioneller Tod. Selbst einem Bürokraten bedarf es aber nicht allzuviel Phantasie, um sich die Folgen vorzustellen. Es muß eindeutig gesagt werden: Die "Institution Arbeitsamt" und ferner die Verzweiflungsfabrik namens Arbeitsmarktpolitik tragen eine Mitschuld an Klaus Herzbergs Tod. 

Womöglich handelt es sich erst um einen Vorboten. Seit einigen Wochen tobt quer durch die Republik eine mediale Inszenierung namens "Faulheitsdebatte". Es geht ganz prosaisch darum, zumutbare Maßnahmen gegen Arbeitslose verschärft anzuwenden. Wer das erste Jobangebot nicht annimmt, egal was und zu welchem Lohn, der darf keine Unterstützung mehr bekommen. Diese moderne Version der biblischen Verfluchung hat aber einen toten Winkel:  Was wird denn mit denen geschehen, die, aus welchen Grund auch immer, mit einer solchen Zumutung nicht klar kommen? Rechnen die Befürworter einer solchen Nulltoleranz-Strategie mit den unvermeidbaren Folgen? Wollen sie die gesellschaftlichen Kosten in Kauf nehmen? Mit dem Abschied von der sogenannten "sozialen Hängematte" könnten sich soziale Leichentücher vermehren. Schauen wir die USA an, das wirtschaftswunderliche Land, wo die Umbildung von Ausgegrenzten zu rumballernden Amokläufern Normalität ist und dessen Gulag zwei Millionen Insassen zählt. Gewiß tragen solchen Zustände zu einem gesunden Arbeitsmarkt bei - einerseits steigt die Nachfrage nach Sicherheitskräften, Wächtern, Polizisten, Alarmtechnikern und sonstigen Nutznießern der Angst, andererseits werden die Lohnkosten durch das breite Knastproletariat gesenkt. Doch ist das wirklich die Welt, in der wir leben wollen? In dieser Hinsicht ist der Fall Braeuner eine ernst zu nehmende Mahnung. 

Am 2. August beginnt der Prozeß. Dort wird das Verfahren unter der individualisierenden Sichtweise der Justiz verlaufen, ein beruhigendes Trugbild, in dem der böse Einzelne letztendlich für seine Sünde büßt und alles wieder gut wird. Aus all den oben erwähnten Gründen darf Werner Braeuner nicht im Stich gelassen werden. Wenn der Begriff von mildernden Umständen ein Sinn hat, dann hier. Bei manchen Urvölkern wird  im Fall eines Verbrechens nicht nur der Täter, sondern die ganze Gemeinschaft bestraft, indem sich alle gegenseitig peitschen. Ein jeder fühlt sich mitschuldig daran, daß ein Bruch der sozialen Regeln überhaupt möglich war. Eine Wiedereinführung dieses Brauches wäre hierzulande kaum vorstellbar. Es sei jedoch denen, die humane Werte nicht aufgegeben haben, ans Herz gelegt, bei dieser Gelegenheit die soziale Logik öffentlich anzuklagen, die solche traurigen Vorfälle gebärt. So lange noch Zeit ist.

Guillaume Paoli

[1] Falls es noch nicht deutlich genug gemacht wurde: Glückliche Arbeitslose leugnen nicht die herrschende Verzweiflung, im Gegenteil, sie entwickeln präventive Maßnahmen gegen sie.

[2] eingeschüchtert von der lokalen Presse, die den Verzweiflungsakt als bewußtes "politisches Fanal" stilisierte: "So habe er sich auch im linken Netzwerk 'Hoppetosse' engagiert, das im Internet zu 'kreativem Widerstand gegen den Kapitalismus' aufruft" - angedeutet: Tötung zählt zum kreativen Widerstand!

[3] "Der Fairness halber teile ich Ihnen mit, daß ich dazu keine Nerven mehr habe (...) Ebenso teile ich Ihnen mit, wie ich die Verhängung einer  Sperre der Arbeitslosenunterstützung bewerte: Sie brechen mir damit das Genick. Und Sie tun das mutwillig" (Brief von Braeuner an Herzberg, 12.01.01)